27 6 / 2011

Kurz nach zehn in NRW

Im Folgenden nun ein Gastbeitrag von @andyen, der letzte Woche eine wichtige Rolle in der Nachhausebeförderung von Jack spielte. Andy ist derartige Ausflüge nicht gewohnt und ergab sich daher in folgendes Kauderwelsch. Viel Spass.

22:22 Uhr: Liebes Tagebuch, gerade sausen wir mit etwas Verspätung durch die dunkle Nacht. Schon früh beschlich mich heute der Gedanke, dass dieses Unterfangen im hohem Maße von irrationalen Belangen charakterisiert ist. Nichtsdestotrotz füge ich mich den äußeren Zwängen des Vincents und beginne nun die abenteuerliche Reise in das Erzbistum zu Köln. Der Zweck dieser äußerst befremdlichen Tätigkeit kann nur unter Zuhilfenahme von imaginären Faktoren erklärt werden. Die etwas monoton wirkende Situation erlaubt allerdings eine kurze Abhandlung über den situativen Kontext, welchem ich doch so gerne entflüchten möchte: Basierend auf der der zugbodenrelevanten- ” Liebe Fahrgäste *knister*” - Diffusionsinabilität kann gefolgert werden, dass die materielle Essenz meiner Selbst das limitierende Glied der vorherrschenden Kausalkette ausmacht. Der springende Punkt wird durch die Induktion der Vincent’schen Motivation, eine gemäß des Prozesses der Sozialisation zu Stande gekommenen Bekanntschaft in Nahpersonenform kommunikativ zu erleben, zuvörderst mir nahegetragen. Da eben diese Handlung durch eine logistische Hysterese gehemmt ist, muss zunächst ein temporärer Zwischenhalt im Zentrum des Kapitalismus eingeplant werden, wir werden nichts weniger tun, als die Starbucks Kaffeemühle zu betreten. Schon bald werden wir den Kölner Hauptbahnhof erreichen, dann kann ich diese Worte zu Ende bringen.

23:33 Uhr: Die Mission, sinnlos nach Köln und wieder zurück zu reisen, konnte soeben in die finale Phase transferiert werden. Es ist festzustellen, dass jegliche kulturell induzierte Bedürfnisse der Reisegesellschaft von den meinigen divergieren. Der Vollständigkeit halber sei hinzuzufügen, dass das Fluid, welches die nicht weiter ernstzunehmende Firma Starbucks, als Kaffee verkauft, die strukturelle Integrität des Magens des konsumierenden Individuums nachhaltig gefährdet. Das Zentrum von Köln versprüht bei späteren Uhrzeiten geradezu ein Sekret des Desinteresses. Zusammenfassend muss der Schluss gezogen werden, dass die letzten drei Stunden meiner ohnehin limitierten Lebenszeit vorwiegend vom Aspekt der Sinnlosigkeit dominiert werden.

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20 6 / 2011

Jag är strax tillbaka.

Keine Panik. - Auch wenn ich bisweilen womöglich den Eindruck gemacht habe plane ich keinesfalls, meinen Blog nun (wenn auch unter schwedischem Namen) auf schwedisch weiterzuführen.
Für euch, die ihr bereits einmal auf meinem alten Blog zu Gast wart möchte ich zunächst kurz erwähnen, was mich zu dieser ‘Umstrukturierung’ meines Gedankensuppeausschankinstruments (= lies ‘Blog’) bewegte: Der alte war zu dunkel.

Im Grunde genommen ist es genau das. Nicht mehr und nicht weniger. Ich habe derzeit einfach keine Lust mehr auf dunkle, demotivierende Sachen - damit sind wir ja sowieso schon den größten Teil unseres Lebens verbunden. Einhergehend mit dieser Veränderung möchte ich auch dem neuen Titel des Blogs gerecht werden.

- Jag är strax tillbaka, oder auch ‘Ich bin gleich zurück’ - im Sinne von ‘regelmäßige Blogposts’. Bisher erhob ich auf meine Blogposts immer einen recht hohen Qualitätsanspruch, was zu unregelmäßigen (haha!) Publikationen führte. Mit etwas seichter ausgewählten Themen sollte sich das nun auf kurze Dauer ändern. Wenn nicht versprüht der Blogtitel eine gewisse, meiner Meinung nach amüsante, Ironie.

Es gibt jetzt übrigens auch Kommentare, denn ich bin nicht Fefe.

Vincent

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10 12 / 2010

Erkenntnistheorie: Die Suche nach dem wahren Objekt

Bei der anfänglichen Behandlung der Erkenntnistheorie im Philosophieunterricht kann man bei Texten wie denen von Bertrand Russell, der die Wirklichkeit eines Objektes an sich anzweifelt, schnell bei der Frage landen wie ein solches Objekt überhaupt definiert ist. Hier meine Überlegung zu diesem Problem (Achtung: Enthält einen abstrakten und einen konkreten Teil):

Um ein Objekt oder einen Gegenstand definieren zu können, ist es zuerst notwendig zu bestimmen, was genau der wahre Gegenstand, den man zu definieren sucht, eigentlich ist.
Ausgehend von der kleinsten Ebene, deren Existenz für uns aufgrund der Ergebnisse spezifischer Experimente wahrscheinlich ist, reduzieren wir die aus kleinen Elementen entstehenden Verbindungen so weit, bis das resultierende Element nicht mit einem anderen auf derselben Ebene befindlichen zu einem weiteren übergeordneten Objekt zusammengesetzt werden kann, bzw. ein Teil seiner Komposition werden kann.
Wir erhalten nun ein Objekt, dass aus Elementen tieferliegender Ebenen zusammengesetzt ist, für sich selbst existiert und nicht einfach ein Teil eines übergeordneten Elementes werden kann und dessen Existenz somit in der spezifischen Situation ausschließt. Dies ist das „wahre“ Objekt. 

Die Betrachtung eines tieferliegenden Elementes als Objekt für sich ist hierbei nicht vollständig ausgeschlossen, nur in der Situation in der das tieferliegende Element als Teil der Komposition des „wahren“ Objektes fungiert nicht individuell möglich. Eine Betrachtung eben als ein solcher Teil ist natürlich möglich, unter dem Vorbehalt, dass es in der Situation immer als Teil der übergeordneten Komposition anzusehen ist. Entfernt man das Element aus der Komposition und lässt es für sich existieren, wird es für sich selbst wiederum zum „wahren“ Objekt.

Um die abstrakte Ebene zu verlassen, benutze ich an dieser Stelle das Beispiel einer mechanischen Armbanduhr.
Zuerst gehen wir von der kleinsten Ebene nach dem obengenannten Kriterium aus. In den üblichen Modellvorstellungen sehen wir nun also eine Ansammlung aus Protonen, Neutronen und Elektronen. Sofern diese selbst noch aus weiteren Teilen zusammengesetzt sind, wäre es theoretisch möglich diese ebenfalls in dieses Beispiel einzubinden, jedoch werde ich das aufgrund der resultierenden Komplexität und aufgrund meines Mangels an Wissen in diesem Bereich hier nicht ausführen.

Diese Neutronen, Protonen und Elektronen bilden also die kleinste einigermaßen erfassbare Ebene. Aus diesen setzen sich nun die Atome zusammen und bilden die darüberliegende Ebene. Die Atome bilden in einer Metallbindung eine Struktur auf der nächsten Ebene, die nach einiger weiterer Reduktion in einem Zahnrad resultiert. Das Zahnrad ist Teil eines Uhrenwerks, das in einem Gehäuse verbaut schlußendlich eine Armbanduhr ist. Dieser Armbanduhr ist nun keine weitere Ebene übergeordnet, sofern wir nicht von einer Armbanduhr z.B. als Teil eines Kunstwerkes sprechen, da sie, wenn sie von einem Menschen getragen wird, nicht Teil des Menschen wird.

In diesem Moment wird die Uhr das „wahre“ Objekt. Um nun von einem Zahnrad sprechen zu können gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können es als Teil der Uhr betrachten, wobei wir es zwar erfassen können, es aber nicht für sich selbst existiert und somit ein untergeordneter Teil der Komposition der Uhr bleibt. Entfernen wir es komplett aus der Uhr, wird ihm die übergeordnete Ebene genommen und es wird für sich selbst existierend zum „wahren“ Objekt.

Wenn euch der abstrakte Teil zu abstrakt war, bitte ich um eine kurze Rückmeldung (auf Twitter). Dann werde ich die Tage noch eine Art Legende für häufig verwendete Begriffe beifügen. 

14 5 / 2010

Die Busgesellschaft

An (fast) jedem Schultag bin ich morgens um 7:07 (diese Angabe ist exakt) an der Bushaltestelle “Drove, Grünstraße” anzutreffen. In der Zeit von 7:08 bis 7:36 folgt ein täglich fast exakt gleicher Ablauf, den ich, um eines der eigentlichen Themen des Blogeintrages anzuschneiden,  kurz beschreiben möchte:

1. Ich treffe um 7:07 an der Haltestelle ein, bereits anwesend sind folgende Schlüsselpersonen, die für den weiteren Ablauf eine gewisse Relevanz besitzen:
- das Pferdemädchen
- das Dicke-Musik-Mädchen (das Adjektiv “dick” ist in diesem Fall auf zwei Objekte bezogen)
- der Knopfjunge
- der iPod-Junge

2. Etwa 20-40 Sekunden nach meinem Eintreffen an der Haltestelle (in extrem seltenen Fällen, meist weil wir aus irgendwelchen Gründen einen anderen Fahrer haben, kann sich dieser Zeitpunkt jedoch um bis zu 20 Minuten verzögern) kommt der Bus. 

Ein relativ unwichtiger Junge versucht jedes Mal durch die Hinterste der drei Türen (es handelt sich um einen Gelenkbus) einzusteigen, da diese Tür allerdings defekt ist, wird dies für immer ein recht schwieriges Unterfangen bleiben (es ist immer derselbe Bus).

Sechs für den Ablauf unwichtige Leute steigen an der zweiten Tür ein und verschwinden nach hinten in den Bus.

Die anderen genannten Personen steigen, so wie ich, an der vordersten Tür ein. An den ungeraden Wochentagen (Mo, Mi, Fr) belege ich daraufhin sofort den Platz links hinter dem Fahrer, der an den jeweils anderen Tagen immer von der gleichen Person belegt ist. Dienstags und donnerstags bleibe ich bis 3. im mittleren Stehbereich (vor der 2. Tür) stehen.

Das Pferdemädchen streckt ihren seltsam geformten Kopf nach vorne und stöckelt mit schwingenden Armen zum Mittelteil des Busses durch, wo sie sich auf der linken Seite auf einem der Plätze niederlässt, auf denen man “rückwärts” fährt.

Das Dicke-Musik-Mädchen schlurft mit hängenden Schultern bis auf die Höhe des Pferdemädchens nach hinten und setzt sich auf die rechte Seite, ebenfalls auf den “Rückwärtssitz”.

Der Knopfjunge setzt sich auf den linken Rückwärtssitz vor der ersten Tür.

Der iPod-Junge setzt sich auf den äußeren Rückwärtssitz des ersten Viererplatzes.

3. Nach 4 Haltestellen erreichen wir “Kreuzau, Alte Post”. Dies ist ein wichtiger Wendepunkt, da der größte Teil der Personen aussteigt und lediglich die genannten sowie ein paar zufällig variierende (und irrelevante) andere Personen bleiben. Donnerstags und Dienstags ist dies nun ein Grund für mich, den jüngst freigewordenen Platz hinter dem ersten Vierersitz einzunehmen. Ich kann nun den Knopf- sowie den iPod-Jungen sehen, wende den beiden Mädchen aber den Rücken zu (die mir dies gleichtun). Hierauf folgt ein kurzer Blickkontakt zwischen allen Beteiligten, um zu signalisieren, dass alles wie üblich verläuft.

Sollte ein Fremder einen Platz besetzen, der entweder jemanden von uns zugeteilt ist oder später eine bestimmte Funktion einnimmt, werden wir diese Person solange mit Blicken löchern, bis sie sich in den hinteren Teil des Busses verzieht. Diese Strategie ist sehr effektiv.

4. Wir fahren bis “Düren, Weyerhof”. Im Verlauf der Fahrt zeigt der iPod-Junge gekonntes Desinteresse an seiner Umgebung und scrollt durch seine Musiksammlung. Der Knopfjunge sitzt unbeweglich an seinem Platz und tut nichts. Ich befinde mich durchgehend in einem Zustand des Halbschlafes (vergleichbar mit dem Zustand im Geschichts- oder Lateinunterricht). Mir ist nicht bekannt, was die beiden Mädchen machen.

Beim Erreichen der Haltestelle drehen sich alle kurz um und gucken, ob die jeweils anderen da sind. An dieser Stelle ist das Pferdemädchen verschwunden, sie steigt irgendwo zwischen Niederau und der Haltestelle aus, aber keiner von uns achtet auf die genaue Haltestelle.

5. Wir nähern uns nun der wichtigen Haltestelle, der an der die meisten Aktionen einer typischen Busfahrt auf unserer Linie geschehen. “Düren, Oberstraße”

Folgendes geschieht:
Der Knopfjunge drückt auf einen der Stop-Knöpfe, die aus jedem Bus bekannt sind. In unserem Bus funktionieren sie jedoch nicht auf die herkömmliche Weise, denn das Signal wird nicht an den Fahrer weitergeleitet. Ebenfalls beabsichtigt der Knopfjunge nicht, an der Haltestelle auszusteigen. Der Sinn des Drückens besteht darin, den iPod-Jungen auf die nahende Haltestelle aufmerksam zu machen.

Dieser steht nun auf und bewegt sich in den hinteren Teil des Busses, auf der Höhe des Dicke-Musik-Mädchens, welches an diesem Teil der Reise meist schläft, rempelt er absichtlich ihren Instrumentenkoffer an, woraufhin sie aufwacht.
Der iPod-Junge geht nach hinten durch und wartet vor der nächsten Tür, das Dicke-Musik-Mädchen wechselt auf den an ihren Platz angrenzenden “Vorwärtsplatz” und hat mich im Blickfeld.

6. Aufgrund der Ampelschaltungen in Düren stehen wir nach dem Abbiegen in die Oberstraße immer kurz vor der eigentlichen Haltestelle an einer kleinen Kreuzung. Die Ampel für den Bus wird 3 Sekunden nach der Fußgängerampel grün.
Von meinem Platz aus habe ich die Fußgängerampel im Blickfeld, sobald sie grün wird stehe ich auf und gucke in den großen, mittleren Rückspiegel des Fahrers. Der Fahrer sucht kurzen Blickkontakt mit mir, ich nicke ab, das Dicke-Musik-Mädchen steht auf und kommt zur Tür, wir fahren zur Haltestelle und steigen aus.

Möglicherweise klingen diese Abläufe nicht allzu spektakulär, es ist aber interessant zu bemerken, dass keine der beteiligten Personen jemals mit einer der anderen gesprochen hat. Auch in Anbetracht dieser Tatsache ist es spannend, wieviel wir über den jeweils anderen wissen (Name, Alter, Schule, Interessen etc.  - Dinge die nach einer Weile recht auffällig werden).

Fehlt eine der beteiligten Personen, sind die Abläufe gestört. Fehlt der Knopfjunge, steht der iPod-Junge nicht auf und weckt nicht das Dicke-Musik-Mädchen.
Fehle ich wird dem Busfahrer nicht durch Blickkontakt der Haltewunsch signalisiert, er fährt weiter.
Fehlt der Busfahrer haben wir eine gewaltige Verspätung, da der einzige Ersatzbusfahrer die Route nicht auf die Reihe bekommt.

Die Verkettung all dieser Personen möchte ich als “Die Busgesellschaft” bezeichnen, womit ich nun beim eigentlichen ersten Thema dieses Eintrages und dem Anlass zu selbigem angelagt bin.

Busgesellschaften existieren nicht nur auf meiner täglichen Morgenlinie, sondern einzeln für jede Uhrzeit fast jeder Linie (sie sind logischerweise nicht linienumfassend). Ich bekam dies am Mittwoch vor Verfassen dieses Postings zu spüren, als ich entgegen meiner üblichen Gesetzmäßigkeiten einen anderen Bus nach Hause nahm als gewöhnlich. Nach wenigen Minuten im Bus war erkennbar, welche Personen dort zur etablierten Busgesellschaft gehörten und ebenfalls wurde mir recht schnell klar, dass ich den Platz einer dieser Personen belegt. Dies wurde mir unmissverständlich über Blicke bekanntgegeben, woraufhin ich ihn selbstredend, um den weiteren Ablauf der (mir in diesem Fall nicht näher bekannten) Ereignisse nicht zu stören, abgab.

Das wesentlich Interessante an Busgesellschaften ist die Art, wie sie entstehen. Menschen die sich nicht kennen und die niemals verbal miteinander kommunizierten, entwickeln teilweise recht komplexe Verhaltensmuster die sehr repetetiv angewendet werden. Kleinste Störungen durch Fremde werden als Ausnahmefälle behandelt und auf eigene Arten aus dem Weg geräumt.

Obwohl sich nie jemand gesprochen hat, “kennen” sich die Mitglieder einer Busgesellschaft flüchtig.

Wie kommt es dazu?

Ich habe eine kleine, eigene Theorie:
Jeder Mensch, der regelmäßig auf einer bestimmten Buslinie fährt, hat ein bestimmtes Ziel, welches von ihm (oder ihr, ich möchte keine Genderdebatte auslösen) erreicht werden soll.
Somit sitzen quasi alle Busgesellschaftler im selben Boot, bzw. Bus. Sie alle möchten die genannten Ziele sicher und ohne Zwischenfälle erreichen und dies vorallem ohne das Eintreten einer nervigen Bus-Begegnung. (dies umfasst, ist aber nicht beschränkt auf: fremde Menschen, die sich ungefragt neben einen setzen und zu unnötiger Kommunikation, spätestens beim Aussteigen, führen; Kontrolleure; unbekannte Busfahrer)
Daher beginnen sich die Beteiligten, ihren Instinkten und in uns verankerten Methoden zur wortlosen Kommunikation folgend, mit den anderen so zu arrangieren, dass dies auf die beste mögliche Art umgesetzt werden kann. Feste “Absprachen” bezüglich der Sitzplatzverteilung und des Unterstützens der anderen im Bezug auf Aussteigen und ähnliches pendeln sich somit automatisch ein.
Das Resultat ist, wer hätte es erwartet, eine Busgesellschaft.

Wer von euch kann ähnliches berichten?

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21 9 / 2009

Wartezimmer und warum sie so verhasst sind

Nachdem ich soeben mehrere Stunden in einem Wartezimmer verbracht habe, muss ich jetzt einfach meine Gedanken bezüglich dieser, höchstwahrscheinlich unter dem Bevölkerungsdurchschnitt relativ unbeliebten, Art von Räumen niederschreiben.

Beginnen wir mit dem Aufbau eines Wartezimmers. Man betritt den Raum und befindet sich in 90% der Fällen in einem nicht zu großen, weiß gestrichenen Raum, an dessen Seite Stühle in einer Reihe aufgestellt wurden.
In der Mitte befindet sich ein Tisch, auf dem eine Ansammlung von Zeitschriften einen mehr oder weniger eleganten Platz gefunden hat. Deren Cover sind, um die Eintönigkeit des Raumes zu bewahren, in graue Zeitschriftenumschläge verpackt, die jeweils mit dem Namen des Magazins bedruckt sind. Die Anzahl der auf dem Tisch liegenden Magazine hängt stark von der Anzahl der wartenden Frauen ab. Folgender Grundsatz gilt hier:

Je Frau, desto weniger Zeitschrift.

Befindet man sich in einer gut ausgestatteten Praxis, lässt sich oft auch ein Wasserspender und in einigen seltenen Fällen ein Fernseher im Wartezimmer auffinden.

Zu Zeiten des Nazi-Regimes verwendete die NSDAP (oder auch zu Zeiten der DDR die Stasi) eine Foltermethode, die gemeinhin als Isolation bekannt war.
Dabei sperrt man jemanden solange allein und vollkommen isoliert in eine Zelle ein, bis er wahnsinnig wird und freiwillig aussagt um sich aus dieser Situation zu befreien. Hierbei werden einem Gefangenen alle Reize vorenthalten und das Gehirn hat quasi nichts, womit es sich beschäftigen kann.

Meiner Meinung nach ist der Aufenthalt in einem Wartezimmer auch eine Folter, allerdings das genaue Gegenteil von der eben beschriebenen. Durch die eng beieinander stehenden Stühle wird man gezwungen, sich ungewohnt nah an einer zumeist fremden Person zu platzieren. Alle vorhandenen Sinne werden von Eindrücken überflutet, die man gar nicht haben möchte. Beispiele für jeden Sinn:

  • fürs Auge: Das Aussehen gewisser Leute ist nichts, was man unbedingt wahrnehmen möchte. Das gleiche gilt für offene/entzündete/anderartig ekelerregende Wunden.
  • fürs Ohr: Da Ärzte gesetzlich dazu verpflichtet scheinen, nur langweilige Zeitschriften in ihren Praxen auszulegen und sich meistens jede im Wartezimmer befindliche Frau mit einer von diesen bewaffnet (siehe obengenannten Grundsatz) ist ein ständiges Umblättern von einem langweiligen Artikel zum nächsten zu hören.
    Ebenfalls erstaunlich grauenhaft sind die diversen Atemgeräusche, ein Fokus ist hier insbesondere auf alte Menschen zu legen, die in einem Wartezimmer produziert werden. Das geht von rasselndem Schnarchen zu unrhythmischem Schnaufen und anderen Kuriositäten. Natürlich können diese Leute nichts dafür, aber es ist schrecklich.
  • für die Nase: Viele Leute, insbesondere solche die harte körperliche Arbeit leisten, sind mit einem penetranten Schweißgeruch gesegnet. Dieser schlägt mit einem leichten Akzent den man L’odeur du travailleur* nennen könnte, zu Buche.
  • für den Tastsinn: körperliche Nähe mit Fremden ist nicht jedermanns Sache, in einem Wartezimmer ist sie allerdings unvermeidbar (es sei denn, es ist ein unbeliebter Arzt bei dem es keinen großen Anlauf gibt). Ich denke nicht, dass dieses Beispiel weiterer Worte bedarf.
  • für den Gaumen: Das trifft gottseidank nicht auf alle Wartezimmer zu, in den meisten Fällen ist das angebotene Gratiswasser erträglich. Trotzdem sollte man sich nicht zu früh freuen, unsere Zunge bekommt die Abreibung spätestens durch die Medikamente

* Übersetzung durch Kirth

Bin ich der einzige, der so denkt?

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